Industrie 4.0 – nicht nur Technik

Ein Gastbeitrag von Jochen Bechtold, Leiter der Market Unit Manufacturing bei Capgemini Consulting, und Marius N. Schraven, Senior Consultant bei Capgemini Consulting.

Die Nutzerzahlen von Facebook wachsen rasant: Ende März 2014 verzeichnete das soziale Netzwerk 1,28 Milliarden Nutzer – das sind 50 Millionen mehr als Ende Dezember vergangenen Jahres (1,23 Milliarden). Doch im Gegensatz zu der von Gartner erwarteten Kommunikation zwischen Gegenständen ist der weltweite digitale Austausch zwischen Menschen gering. So erwarten die Analysten von Gartner bis zum Jahr 2020 mehr als 26 Milliarden dieser vernetzten Geräte.

Auch in der Capgemini IT-Trends Studie 2014 gaben IT-Verantwortliche der deutschsprachigen Länder an, dass Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) der Aufsteiger des Jahres ist. Was Unternehmen dabei im Blick haben, ist nicht nur die Vernetzung innerhalb eines Arbeitsbereiches, sondern auch die direkte Anbindung von Produktionsanlagen an die Planungssysteme und die Überwachung der Produktion vom Arbeitsplatz.

Das bietet viele Vorteile: Eine verbesserte Automatisierung, intelligentes Monitoring und eine stärkere Individualisierung in der Produktion sowie – kombiniert mit den Daten der Geräte – neue Möglichkeiten für Dienste und Innovationen. Die Begriffe „Industrie 4.0“ oder „industrielles Internet“ umfassen diese digitale Transformation der Industrie.

Die Grenzen klassischer IT-Sicherheit
Diese neue Vernetzung im industriellen Internet bedeutet allerdings auch, dass sich Unternehmen im Bereich der Informationssicherheit völlig neu aufstellen müssen. Wenn der Datenaustausch sich erheblich erhöht und auch Partner stärker in das Unternehmensnetzwerk eingebunden werden, stößt die klassische Security an ihre Grenzen.

Das industrielle Internet geht über die Vernetzung von Maschinen hinaus. Die Prozesse und die Organisation im Unternehmen können in diesem Umfeld nicht wie bisher weitergeführt werden, wenn man das wahre Potenzial ausschöpfen möchte. Damit geht Industrie 4.0 über das rein Technische hinaus: Auch die Mitarbeiter müssen für die neue Umgebung sensibilisiert werden.

Externe Akteure werden viel stärker als bisher in Kernprozessen der Entwicklung und Produktion eingebunden und benötigen Zugriff auf interne Daten. Wie viele Digitalisierungsinitiativen geschieht dies meist individuell aus den gewachsenen funktionalen Silos heraus. Anzeichen für Handlungsbedarf gibt es bereits und es zeigt sich, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben, Quelle und Modus von Sicherheitslecks zu lokalisieren.

Vernetzung und Sicherheit: Das ist zu beachten
Unternehmen, welche die sich bietenden Chancen des industriellen Internets nutzen wollen, müssen sich auch mit den neuen Risiken auseinandersetzen. Dabei sollten Sie in ihrer Strategie folgende Punkte berücksichtigen:

  • Industrie 4.0 verlangt nach einer erweiterten, übergreifenden Rolle eines Security Managers zur funktionsübergreifenden Steuerung und Kontrolle mit einem direkten Bezug zu den herkömmlichen und zukünftig auch produktionsnahen IT-Systemen.
  • Rohdaten und daraus gewonnene Informationen sollten bezüglich ihrer Sensibilität und Kritikalität bewertet und markiert sowie Prozesse etabliert werden, um diese dynamisch entsprechend der Sicherheitsstufe nur ausgewählten Gruppen zur Verfügung zu stellen. So dürfen beispielsweise spezifische Details der Logistikkette nur in Ausschnitten Zulieferern verfügbar gemacht und nur in aggregierter Form an einen Analytics-Provider weitergegeben werden.
  • Die Etablierung klarer Regeln für die Ad-hoc Zusammenarbeit mit Lieferanten, Kunden und Konkurrenten ist wichtig, um Sicherheit und Flexibilität in ein Gleichgewicht zu bringen.
  • Regelmäßige Trainings müssen sicherstellen, dass alle Mitarbeiter sich der Risiken und Regelungen bewusst sind.
  • Produktionsanlagen sind auf Grund veralteter Firmwares, unsicherer Architekturen, proprietärer und nicht transparenter Betriebssysteme im Zeitalter der Vernetzung neue potenzielle Gefahrenquellen. Daher müssen klare Sicherheits-Regeln für die Beschaffung und den Betrieb solcher Systeme und Maschinen aufgestellt und durchgesetzt werden.

Der Standort Deutschland, dessen wirtschaftliche Basis durch den Maschinen- und Anlagenbau und die effiziente Produktion geschaffen wird, kann stark von Industrie 4.0 profitieren. Wer nachhaltig von neuen Geschäftsmodellen und effizienteren Abläufen profitieren möchte, sollte beim Thema Sicherheit eine führende Rolle annehmen und seine Vertrauensposition bei Zulieferern und Händlern ausbauen.