Reinhard Karger ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen (DGI) und Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Zuvor war er dort seit 1993 der Projektmanager für das weltgrößte Sprachtechnologieprojekt „Verbmobil“. Reinhard Karger ist als Autor für Medien wie die FAZ oder ZEIT Online tätig, kuratiert und moderiert den CeBIT Future Talk sowie Veranstaltungen des BMWi oder der Bundeszentrale für politische Bildung. Außerdem ist er seit 2017 auch MINT-Botschafter des Saarlandes.

Herr Karger, warum erlebt das Thema KI gerade jetzt so einen Aufwind?

Die wissenschaftlichen Fortschritte der letzten 20 Jahre sind aufsteigend atemberaubend. Nach Erfolgen in Schach, Jeopardy, Go und ganz aktuell Poker kann man auch nach einer nüchternen Analyse Maschinen in einigen intellektuell-strategischen Bereichen ein großoder besser weltmeisterliches Niveau nicht absprechen. Diese Erfolge verdeutlichen: KI hat fantastisch viel Potenzial und kann bei der Lösung der drängendsten Probleme unserer Zeit helfen. Die Frage ist nur, warum feiern wir das nicht mehr? Sowohl die Leistung der KI-Forschung als auch die Möglichkeiten, die sich damit erschließen.

Der aktuelle Durchbruch ist aber auch hardwaregetrieben und basiert letztendlich auf der Erschließung der immensen parallelen Rechenleistung der Grafikkarte für die Echtzeit-Verarbeitung von neuronalen Netzen – bekannt als Deep Learning. Hard-und Softwareinnovationen kommen zur rechten Zeit zusammen und produzieren faszinierende Ergebnisse für Spracherkennung oder Visual Computing, also die Verarbeitung und das Verstehen von Bildern. Und das ist zentral, beispielsweise für das selbstfahrende Auto.

In welchen Bereichen wird KI unser Leben bereichern?

KI wird unser Leben angenehmer und sicherer machen. Das Haus wird immer smarter, weiß, was ein Notfall ist oder ein Einbruch, ein Feuer oder ein Wasserschaden und kann selbstständig die richtige Aktion einleiten. KI wird unsere Hackerresilienz verbessern, uns vor Datendieben schützen und helfen, Identitätsdiebstahl zu verhindern.

Das Auto fährt zwar in fünf Jahren noch nicht wirklich autonom, aber selbstverständlich werden wir bei niedrigen Geschwindigkeiten nicht mehr selber lenken oder bremsen müssen. Ein Parkhaus sieht man wahrscheinlich nur noch von außen, denn das Auto sucht sich alleine seinen Stellplatz und fährt wieder vor, wenn man es ruft.

Generell werden Empfehlungen besser werden. Die Musikvorschläge werden uns tatsächlich gefallen und die Playlisten werden wirklich zum Anlass und zu unserer Stimmung passen. Bis 2019 wird es Augmented-Reality- Brillen geben, die gut aussehen, nützlich sind und die richtige Information zum geeigneten Zeitpunkt anzeigen. Und auch nur so lange, wie wir sie brauchen – ob das aktuelle Nachrichten sind, die uns tatsächlich interessieren oder Mails, die wir sehen sollten, Tweets und Posts, die in diesem Moment wichtig sind.

Was ist leistungsstärker: der gesunde Menschenverstand oder die künstliche Intelligenz?

KI ist sehr leistungsstark, aber der gesunde Menschenverstand ist unschlagbar. Und wie es für jeden wirklichen Meister schicklich ist, unterschätzen wir unsere Meisterschaft meisterlich. Mark Twain bringt es auf den Punkt: „Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“ Komplexität reduzieren und dann das Richtige tun. Klingt leicht, ist es aber nicht. Menschen können vieles gleichzeitig, Maschinen können manches exzeptionell. Die Bewunderung des Außergewöhnlichen verstellt dabei oft den Blick für die Mühen des Selbstverständlichen.

Die Hochachtung vor der menschlichen Alltagsintelligenz wächst in dem Maß, in dem man versucht, sie zu formalisieren oder maschinell zu simulieren. Wir nennen es das KI-Paradoxon: je einfacher für den Menschen, desto schwerer für die Maschine – und vice versa. Was für uns vollkommen selbstverständlich ist, ist für die Maschine vollkommen unerreichbar. Und umgekehrt: Was für Computer außerordentlich unproblematisch ist, überfordert uns schon in einem sehr frühen Stadium. Stichwort Kopfrechnen.

Welche Rolle spielt die deutsche Wissenschaft in der KI-Forschung?

Es gibt einige deutsche Forscher, die wichtige Beiträge geleistet haben. Beispielsweise hat  die Forschungsgruppe von Sepp Hochreiter und Jürgen Schmidhuber an der TU München 1995 das Long Short Term Memory entwickelt, neuronale Netze, die die Sprach- und Bilderkennung, aber auch die Maschinelle Übersetzung deutlich verbessert haben. Wegen der Verarbeitungskomplexität wurden diese Ansätze erst in den vergangenen zehn Jahren wirklich erfolgreich, da mittlerweile höchstleistungsfähige Computer zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung stehen. Auch die Entwicklungsarbeit zwischen 1993 und 2000 an Verbmobil, dem ersten maschinellen Dolmetscher für die sprecherunabhängige Verarbeitung von Spontansprache, hat heutige Technologien nachhaltig beeinflusst. Ergebnisse flossen etwa in Google Translate oder Linguatronic, den natürlichsprachlichen Assistenten in der Mercedes S-Klasse, ein.

Wo spielt KI bereits heute eine Rolle?

KI steckt in jedem Smartphone, in jedem Callcenter und in jeder Suchmaschine, ob Navigation, Multitouch, Spracherkennung, Textzusammenfassung oder Maschinelle Übersetzung. Überall dort unterstützen uns die Ergebnisse der KI-Forschung bereits jetzt jeden Tag. So haben Navigationssysteme zum Beispiel das Fahren verändert und das Finden erleichtert – und kaum jemand möchte sie missen.

Das geht weiter. In Teams von Menschen und Robotern können die für Menschen unergonomischen Arbeiten umgeschichtet werden. Und das ist gut so, denn Rückenschmerzen sind nicht nur ein volkswirtschaftlicher Kostentreiber, sondern primär schmerzlich. Wie verändert das perspektivisch die Pflege? Der Roboter soll heben, der Menschkann pflegen. Denn im Wesentlichen geht es um menschliche Zuwendung. Menschen wollen in die Augen von Menschen sehen. Im Team sind wir unschlagbar, denn wir sind viel mehr Komplementäre als Konkurrenten.

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