StreetScooter ist nicht nur wegweisend 
in puncto Autobau, sondern auch ein Vorbild dafür, wie die Integration eines Start-ups
in einen etablierten Konzern erfolgreich gelingen kann. Menschen wie Dr. Christian Steinborn, Director Strategisches Business Development bei der StreetScooter GmbH, tragen daran ihren Anteil. Der Manager kümmert sich bei dem Unternehmen seit knapp vier Jahren um die Geschäftsentwicklung. Denn der bereits in Serienproduktion befindliche WORK ist nicht allein der Deutschen Post vorbehalten, sondern stellt eine elektrische Alternative zu den seit Jahrzehnten gebräuchlichen Diesel-Transportern für Handwerker oder im kommunalen Bereich für die Beförderung von Waren aller Art dar.

Den Ursprung nahm StreetScooter als Projekt der RWTH Aachen im Bereich Batteriemanage- ment unter Federführung der Professoren Kampker und Schuh. „Wir hatten damals eine ambitionierte Idee, die von vielen belächelt wurde. Das Projekt wurde eher als „Jugend forscht“ betrachtet als ein ernstzunehmender Anlauf hin zu einem Serienfahrzeug“, erklärt Christian Steinborn. „Doch nach ersten Erfolgen konnten wir uns schon ein eigenes Umfeld schaffen.“

Auf der IAA 2011 wurde die Deutsche Post DHL Group auf den Prototyp „Compact“, einen leistungs- und reichweitenstarken Elektro-PKW, aufmerksam. Denn schon lange war der Bonner Logistikkonzern auf der Suche nach einem Fahrzeugtyp für die spezifischen Anforderungen des Logistikers. So müssen die Paketzusteller zum Beispiel während einer Schicht bis zu mehrere hundertmal anhalten und wieder anfahren und ebenso oft Türen öffnen und schließen. Hinzu kam das Ziel der CO2-neutralen Paketzustellung im Rahmen der GoGreen-Initiative des Unternehmens. Das Ergebnis der Kooperation ist der Elektro-Transporter WORK. Er überzeugte DHL so sehr, dass es das Start-up StreetScooter 2014 zu 100 Prozent übernahm.

Mut zur Vision

„Für uns bei StreetScooter war es von Anfang an wichtig, dass eine große Firma auf uns zukommt, mit der wir zusammen etwas Tolles erreichen können“, so Steinborn. „Dabei war es strategisch unglaublich mutig und visionär von der Post, das Start-up zu übernehmen und den WORK für die eigene große Flotte in Serie zu produzieren. Schließlich begab man sich mit dem Zukauf auf ein völlig neues Geschäftsfeld, das aber insofern immens wichtig ist, als dass es das Arbeitsmittel für tausende sich täglich im Zustellbetrieb befindliche Mitarbeiter liefert.“

Auch nach der Eingliederung werden bei StreetScooter Ideen nicht lange diskutiert und einfach direkt ausprobiert. Anforderungen des Kunden werden nicht isoliert in verschiedenen Abteilungen wie Vertrieb, Marketing oder Engineering evaluiert, sondern von Anfang an in heterogenen Teams entwickelt. Vorstand und Fahrer des Kunden sitzen ab Projektbeginn an einem Tisch. Das gab es in der Autoindustrie so noch nicht. Beim kundenindividuellen Zuschnitt kommt zudem die Stärke des modularen Konzepts zum Tragen: Während Basis und Plattform aus einem Guss kommen, werden kundenindividuell die spezifischen Aufbauten maßgeschneidert entwickelt und gefertigt.

Fail fast, fail cheap

Die Arbeitsweise von StreetScooter steht in krassem Gegensatz zu den etablierten Entwicklungszyklen der Autoindustrie, die vom ersten Konzept bis zur Markteinführung bis
zu ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen können.

Christian Steinborn lüftet das Erfolgsgeheimnis: „Da es keine vorgegebenen Prozesse für Innovations- und Produktentwicklung gab, wie sie sonst bei OEMs Standard sind, mussten wir viele nicht betretene Pfade beschreiten – mit Trial und Error. Hierzu braucht es den richtigen Pragmatismus, um einen ungewöhnlichen Weg bis zum Erfolg zu gehen. Dabei muss man sich und jeden Schritt in der Entwicklung und Produktion konstant und immer wieder hinterfragen und optimieren und sich auch im Falle von Rückschlägen nicht aus dem Konzept bringen lassen. Hierbei hilft der Mix aus hochmotivierten jungen Experten, die frisch von der Uni kommen, und erfahrenen Hasen aus der Industrie, die wir nach und nach gewinnen konnten, weil sie von unserem Konzept überzeugt waren. Jeder lernt vom anderen: Die einen, neue Wege zu gehen, die anderen aus der Erfahrung. Das hat sich als wertvolles Vorgehen erwiesen.“

Erstarrung vermeiden

Das Rezept, dass eingesessene Unternehmen, deren Märkte, Produkte und Prozesse sich über Jahrzehnte entwickelt und eingeschliffen haben, Start-ups integrieren, um von deren Mentalität und Arbeitsweisen zu lernen, ist nicht neu. Doch so einfach, wie es in der Theorie zunächst scheint, ist es nicht. Denn bestimmte Prozesse wie HR oder Controlling werden Start-ups oft nicht zugetraut – besetzt werden solche Schlüsselpositionen dann von konzerneigenem, erfahrenem Personal. Dann passiert zumeist das Unvermeidbare: Die Agilität erstarrt unter dem Einfluss der Arbeitsmuster aus dem Mutterkonzern.

Das ist bei StreetScooter nicht geschehen. „Gerade die Automobilindustrie, die so wichtig für den Standort Deutschland ist, erlebt derzeit große Verwerfungen“, erläutert Christian Steinborn. „Daher müssen sich Fahrzeughersteller heute trauen, neue Wege zu gehen und für den Standort eine Basis zu schaffen, die auch unter den veränderten Rahmenbedingungen zukunftsfähig und nachhaltig ist. Auch darum wollten wir gemeinsam wirklich etwas verändern und Sinnvolles schaffen. Nicht als Klimajünger oder Technik-Freaks, sondern mit einem Nischenprodukt, das das reale Leben sinnvoll bereichert.“

Dies wäre bei einem klassischen Automobilhersteller gar nicht möglich gewesen: „StreetScooter ist so auch nicht mit der Intention entstanden, Konkurrent zu großen Autobauern zu werden, sondern hat sich immer darauf fokussiert, zielgruppenspezifisch Anforderungen umzusetzen. Dass die Resonanz darauf so groß und positiv ist, freut uns natürlich besonders!“

Erfolg bestätigt den Weg

Die Ergebnisse der Zusammenarbeit können sich sehen lassen: Von 2016 bis 2017 verfünffacht StreetScooter die Anzahl der Neuzulassungen – eine weitere Fertigungsstraße und ein ganz neues Werk sind in Planung. Für 2018 ist nicht nur ein höheres Maß an Individualisierbarkeit hinsichtlich Zuladung oder Ladekanten in Sicht, sondern ein Quantensprung bei einer der drängendsten Herausforderungen der E-Mobilität: Die Branche spricht von Reichweiten der nächsten E-Antrieb-Generation von bis zu 180 Kilometern. Neue Fahrzeuge des Unternehmens werden optional deutlich mehr schaffen. Es ist also abzusehen, dass der StreetScooter in vielfältigen Formen das Straßenbild Deutschlands schon bald noch nachhaltiger prägen wird. 

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