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Der Anspruch „Innovation mit Tradition“ des seit mehr als 100 Jahren bestehenden Chemiespezialisten Budenheim klingt im ersten Moment ziemlich bieder, findet Stefan Lihl – obwohl er als einer der Geschäftsführer sicher nicht ganz unbeteiligt war. Wer allerdings dahinter blickt, begreift schnell: Es lässt sich kaum trefflicher zusammenfassen, was das Unternehmen so deutlich von anderen unterscheidet. „Vor nicht allzu langer Zeit wurde hier getrockneter Kaffee hergestellt“, verrät Lihl, der für Marketing, Sales und Innovation verantwortlich ist. Und das ist nur eine der augenfälligsten Wandlungen, die Budenheim, wie die Firma im gleichnamigen Ort nahe Mainz genannt wird, in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat. Immer wieder hat sich das Unternehmen an neue Produktsegmente herangewagt und sie später wieder verlassen, wenn sie nicht nachhaltig zum Erfolg führten. Zum Beispiel die Herstellung von Kunstdarm für die Wurstfabrikation. Heute ist das Unternehmen einer der Weltmarktführer bei Phosphaten. „Das ist eine ganz grundlegende Erkenntnis: Wenn man die Erfahrung gemacht hat, sich gut anpassen zu können, ist man für die Zukunft immer gewappnet. Weil man weiß, dass Versuche auch sehr gut funktionieren können“, sagt Lihl. „Und wenn nicht, haben wir es auf jeden Fall versucht.“

Wilde Ideen

Generell haben Versuche einen hohen Stellenwert im Unternehmen. Das mag diejenigen, die sich an den Chemieunterricht in er Schule erinnern, nicht weiter überraschen. „Versuch“ als Wort klingt gleichzeitig nach Ausprobieren, obwohl chemische Produktion doch eng mit Sorgfalt, Vorsicht und Sicherheit verbunden ist. Dieser vermeintliche Widerspruch lässt sich schnell lösen: „Wir fördern Ideen. Jeder kann sie einbringen. Und man mag gar nicht glauben, welch wilde Ideen in einer chemischen Fabrik entstehen“, erklärt Lihl. „Um dem kreativen Chaos Herr zu werden, haben wir eine Art digitalen Verbesserungskasten mit einem Stage-Gate-Prozess eingeführt. Zu jeder Idee müssen Fragen, beispielsweise zum Kundennutzen, beantwortet werden, bevor sie zur offenen Diskussion und Bewertung durch ein interdisziplinäres Gremium kommt.“ Und danach – natürlich innerhalb der erforderlichen Produktsicherheitsaspekte – ausprobiert werden darf. Inklusive der Freiheit, dabei scheitern zu können. „Den Begriff der Fehlerkultur haben wir verbannt. Niemand macht gerne Fehler, das ist Quatsch. Wir haben ihn ersetzt durch Lernkultur“, so der Innovationschef. „Denn das ist ja der Sinn eines Versuchs: Zu sehen, was dabei herauskommt. Wenn man es vorher schon weiß, ist es kein Versuch. Und wir wissen eben aus unserer Tradition heraus, dass diese Haltung und Vorgehensweise funktionieren und zur Innovation führen. Nur so können Lernimpulse entstehen.“ In wenigen Firmen weht ein solcher Geist. Während Fehler andernorts den Job kosten können, werden Mitarbeiter bei Budenheim eher noch befördert: „Als Anerkennung für ihren Mut“, ergänzt er augenzwinkernd.

Mut – eine Eigenschaft, die insbesondere beim Firmennachwuchs mehr als gerne gesehen wird. Das bestätigt Markus Garber, der in sieben Jahren bei Budenheim schon so viele verschiedene Erfahrungen gesammelt hat wie andere in ein paar Jahrzehnten Berufstätigkeit. „Ich wollte nach dem Abi schnell in das echte Berufsleben eintauchen und bin deshalb als kaufmännischer Azubi hier eingestiegen“, berichtet der Projektleiter. „Unterwegs habe ich aber gemerkt, dass ich doch noch studieren und weiterkommen möchte. Das hat mir Budenheim ermöglicht.“ Dass der Mittzwanziger heute eines der größten IT-Innovationsprojekte, die das Haus je gesehen hat, stemmt, ist neben seinem persönlichen Einsatz und Talent nicht zuletzt der Bereitschaft seines Vorgesetzten geschuldet, ausgetretene Pfade zu verlassen. Denn Stefan Lihl liebt Überraschungen, weil er sich nichts Schlimmeres vorstellen kann als eine eingefahrene Organisation. „Dass eben nicht der IT-Leiter das Projekt verantwortet, sondern jemand aus dem Nachwuchs.“ Sein Verantwortungsbereich erstreckt sich natürlich weit über die IT hinaus.

Hartnäckige Kollegen

Als ‚Innovationsplattform‘ werden beim Unternehmen neue Entwicklungsprojekte und Aktivitäten bezeichnet. Hervorzuheben ist dabei ExtraPhos® zur Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm – eigentlich meilenweit von den üblichen Prozessen und Geschäften eines Chemiespezialisten entfernt. „Eine total schräge Idee“, kommentiert Lihl trocken. Entstanden ist sie in einer Kollegenrunde nach Feierabend. Und arbeitete in den Köpfen immer weiter. Nachhaltig: „Hartnäckig tauchten sie immer wieder in meinem Büro auf, weil sie es unbedingt ausprobieren wollten“, erinnert sich Lihl, der dem Drängen nachgab. Inzwischen mausert sich die Plattform zu einer Firma-in-der-Firma, einem echten Start-up. „Die Kollegen dort sind diejenigen, die mit Abstand am meisten lernen – und zwar das Ausbrechen aus einer 100-jährigen Firmenkultur“, sagt Lihl. Sie sind zugleich in der Pflicht, ihre Erfahrung mit der ganzen Organisation zu teilen, zu kommunizieren, welche neuen Wege sie beschreiten. „Und das inspiriert auch uns im Management sehr.“ Ein Aspekt von ExtraPhos® soll nicht unerwähnt bleiben: Budenheim ist der Konkurrenz damit um viele Schritte voraus, denn erst jüngst wurde die gesetzliche Grundlage verabschiedet. Das passt wiederum zu den Grundprinzipien des ‚Mutterschiffs‘ Budenheim: Den Anspruch der Kundennähe durch Proaktivität zu leben. Indem man Kunden zuhört, sich in sie hineinversetzt und ihnen Lösungen vorschlägt, die sie noch nicht kennen. „Mit Kunden und Mitarbeitern zu sprechen, ist lehrreicher als jedes Fachbuch“, findet Lihl. „Auch mit den Auszubildenden suchen wir den Austausch, der jungen Generation mit ihrem unverstellten Blick.“ Garber nickt lachend: „Ich erinnere mich an den Schrecken, als ich am Einführungstag plötzlich der Managementriege gegenüber saß. Und kaum glauben konnte, welche Perspektiven mir aufgezeigt wurden.“ Doch nicht nur für den Nachwuchs stehen viele Wege offen: „Es arbeiten in unserer Produktion Bäcker, Maler, Heizungsbauer. Diese anderen, neuen Sichtweisen, die sie einbringen, sind sehr spannend und wertvoll für uns“, so Lihl weiter. „Manche von ihnen drücken auch nochmal die Schulbank und lassen sich zum Chemikanten ausbilden.“ Sie lernen dann auch mal gemeinsam mit ihren Kindern, die sich etwa für das Abi vorbereiten. Und betrachten das als bereichernde Erfahrung. Lihl sieht das als Bestätigung: „Für mich einer der besten Beweise, dass wir den richtigen Weg beschreiten.“