In kaum einem Markt sind langfristige Prognosen und aktuelle Kennzahlen so gegenläufig wie in der Automobilbranche. Dem Umweltbundesamt zufolge wuchs der Fahrzeugbestand weltweit von 275,64 Millionen im Jahr 1978 auf über 1.16 Milliarden 2019. Allein in Deutschland kamen im vergangenen Jahr 620.000 Fahrzeuge mehr auf die Straße. Dabei werden die Pkw im Schnitt immer größer und immer leistungsstärker. So stellt das Kraftfahrtbundesamt fest, dass sich insbesondere der SUV einer zunehmenden Beliebtheit erfreut.

Dem Gegenüber stehen die Megatrends des Mobilitätswandels Nachhaltigkeit und Digitalisierung – die diese Entwicklungen früher oder später abschwächen könnten.

Hersteller stehen vor der Herausforderung die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne von der Zukunft und den disruptiven Trends überrollt zu werden. Zusätzlich wird auch die Corona-Krise die Automobilbranche langfristig verändern und die Trends beeinflussen – in welche Richtung wird sich noch zeigen. Daraus entstehen wieder neue Entwicklungen für den Mobilitätswandel, die durchaus als Chance betrachtet werden können.

 

Die Automobilbranche am Wendepunkt

Der Bereich Umweltschutz scheint stetig mehr an Bedeutung zu gewinnen und erhöht den Druck auf die Autohersteller. Seit 2018 gibt es – teils von Kommunen freiwillig verordnet, teils durch Umweltverbände eingeklagt – Dieselfahrverbote an kritischen Stellen im innerstädtischen Straßennetz. Die E-Mobilität, die noch mit den Kinderkrankheiten unzureichender Reichweite und ungenügender Ladesäuleninfrastruktur zu kämpfen hat, soll den Verkehr der Zukunft klimaneutral machen.


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Der Einfluss der Politik auf die Automotive-Trends

2019 beschloss das von der Bunderegierung eingerichtete Klimakabinett einen flächendeckenden Ausbau von Stromzapfstellen und eine Reihe von Steuererleichterungen, um die Elektrifizierung der Mobilität voranzutreiben. Bis 2030, so das erklärte Ziel, sollen schließlich sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge durch das Land surren. Bis dahin dürfte sich die Energiedichte und damit die Reichweite selbst bei konventionellen Batterien verdoppeln und für mehr Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen. Neue Technologien, wie etwa die Feststoffbatterie, die eine Reichweite von mehr als 1000 km versprechen, sind hingegen noch spekulativ und frühestens 2025 zu erwarten, so das Fraunhofer ISI.

Allein auf die fortschreitende Entwicklung und Anreizsysteme wollen sich einige ambitionierte Staaten nicht verlassen. Dänemark, Irland, Israel, Nepal, die Niederlande, Slowenien und Schweden planen bis 2030 keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr zuzulassen. Norwegen will sogar schon bis 2025 vorpreschen. Das Ende des Verbrennungsmotors bleibt dabei nicht ohne wirtschaftliche Folgen. Das Frauenhofer ISI geht davon aus, dass besonders auf Produktionswerke im Bereich Antriebsstrang, die sich stark auf Verbrenner fokussiert haben, schwere Zeiten einhergehend mit dem Abbau von Arbeitsplätzen zukommen. Anbieter im Bereich der E-Mobility und des Ökosystems Batterie – Batteriezellfabriken, Materialwertschöpfungskette, Forschung und Entwicklung, Maschinen- und Anlagenbau – sind hingegen die Gewinner.

 

Trend 1: E-Mobilität und das Peak-Car-Phänomen

Die umweltpolitisch guten Vorsätze drohen jedoch, an den harten Fakten der Realität zu scheitern. So geben Rohstoffexperten zu bedenken, dass es zwar grundsätzlich genügend Material gäbe, doch wenn der Umstieg auf Elektroautos zu schnell ginge, gäbe es keine Möglichkeit, die Nachfrage zu bedienen. Insbesondere die komplizierte Lithiumgewinnung benötigt eine entsprechend lange Vorlaufzeit. Eine kurzfristige Produktionsanpassung auf eine sprunghafte Nachfrage ist schlicht unmöglich.

Die Folge ist der Peak Car – der Wendepunkt, an dem die im privaten Fahrzeug zurückgelegten Kilometer nicht länger zunehmen.

Hersteller bieten sich auf diesen Punkt vor und wollen zukünftig weniger Fahrzeuge als Besitz verkaufen und mehr Mobilität als Dienstleistung anbieten. Ein Beispiel hierfür ist das Free-Float-Carsharing, bei dem das Auto irgendwo in einem größeren Gebiet angemietet und abgestellt werden kann. Zwar wirft dieses Modell noch keinen rechten Gewinn ab, und der Marktführer zog sich zuletzt aus mehreren Städten zurück, doch dürfte sich dies ändern, sobald Verbrennungsmotoren verboten werden und das Angebot die Nachfrage an Elektrofahrzeugen nicht zu sättigen vermag. Auch wenn weitere Kommunen den Beispielen von Mailand, London und Stockholm folgen und im Stadtkern eine Maut verlangen, um diesen zu entlasten, befindet sich das Carsharing-Modell auf der Gewinnerstraße.

 

Trend 2: Die Entwicklung von autonomem Fahren

Dass das autonome Fahren irgendwann kommen wird, ist in Fachkreisen unbestritten. Die Frage ist nur wann. Optimistische Prognosen erwarten, dass bereits 2030 10 bis 15 Prozent (Statista) der Fahrzeuge fahrerlos sind und eine Studie von Deloitte geht davon aus, dass bis 2035 jede dritte Fahrt in einem autonomen Fahrzeug stattfindet. Aus dem Car-Sharing von heute wird dann ein Milliarden US-Dollar schwerer Robo-Taxi-Markt und Mobilität steht jedem jederzeit zur Verfügung. Der Besitz eines eigenen Autos würde daher vor allem in den urbanen Regionen obsolet werden und der Peak Car wäre spätestens dann erreicht.

Die Hürden für autonomes Fahren

Bis es soweit ist, gilt es allerdings noch einige Entwicklungsstufen, sowohl technologisch als auch juristisch, zu meistern. Der technologische Status Quo im Fünfstufenmodell des Automatisierungsgrads ist mittlerweile auf Stufe 3, dem hochautomatisierten Fahren, angekommen. Stauassistenten etwa sind in der Lage bis zu einer bestimmten Geschwindigkeit das Vehikel ohne Fahrereinwirkung zu steuern und diesen rechtzeitig zu informieren, wenn sich der Stau auflöst bzw. eine Ausfahrt angesteuert wird. Der rechtliche Rahmen für die Nutzung solcher Systeme ist bislang jedoch vielerorts gar nicht oder nur unvollständig geklärt. Immerhin haben die Vereinten Nationen nun international verbindliche Regeln verabschiedet die im Januar 2021 in Kraft treten sollen. Möchten Sie mehr zum Thema Autonomes Fahren und deren Level wissen, lesen Sie gern unseren Artikel zu dem Thema.

Bereits seit 2009 arbeitet die Alphabet Tochter Waymo als Pionier der autonomen Mobilität am World’s Most Experienced Driver, einer KI, die zusammengerecht Millionen Meilen auf öffentlichen Straßen und Milliarden Meilen im Simulator absolviert hat und so für jede erdenkliche Situation gewappnet sein soll. Sensoren scannen dabei kontinuierlich die Umgebung, während die Software daraus vorhersagen für die Zukunft ableitet und entsprechend reagiert.

 

Trend 3: Mobilitätswandel durch Connected Cars

Das Connected Car (vernetztes Fahren) geht noch einen Schritt weiter. Dabei ist das Auto nicht mehr nur auf den Input seiner eigenen Sensoren angewiesen, sondern interagiert auch mit anderen Fahrzeugen und Gegenständen in seiner Umgebung. Auf diese Weise kann es gewissermaßen um Ecken schauen und auch sonst uneinsehbare Situationen mit Gefahrenpotential frühzeitig reagieren. Die Datenströme, die Dabei über das Internet der Dinge ausgetauscht werden sind gigantisch, weshalb eine 5G-Netzabdeckungen die Voraussetzung ist.

Connected Cars dienen dabei nicht nur dem Autonomen Fahren: Kartenpacks im Navigationsgerät, Inhalte im Multimediasystem und sogar Power- und Sicherheitsupgrades lassen sich über das Internet dazu buchen. Smart-Home-Geräte werden per Sprachbefehl vom Auto aus gesteuert. Versicherungen können ihre Tarife dem Fahrverhalten anpassen.



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Wer die Automotive-Trends ignoriert, der hat schon verloren

Wollen traditionelle Unternehmen der Automobilbranche die Kluft zwischen Gegenwart und Zukunft überwinden, so müssen sie sich von reinen Fahrzeugherstellern zu Softwareunternehmen weiterentwickeln. Google, Uber und Tesla haben längst verstanden, dass Daten das neue Öl sind und sind Meister darin, diese zu aggregieren und daraus kundenorientierte Dienstleistungen abzuleiten.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die heimische Leitindustrie das Wettrennen um die Mobilität der Zukunft gewinnt, liegt nur bei 50 Prozent“,
warnte VW-Ceo Herbert Dies bereits 2018. Und bekräftigte in einer Brandrede am Anfang des Jahres, das die Zeit klassischer Autohersteller vorbei sei:

„Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich mir von Nokia Mitarbeitern erklären ließ, wie sie im Kampf gegen Apple untergegangen sind. Die Logik war: ‚Wir haben 43 verschiedene Mobiltelefone, für jeden das richtige, kein Mensch will Touch, man muss das iPhone mindestens einmal täglich laden, während unser Akku eine Woche hält.‘ Und: Nokia hatte Rekordjahre, war aber praktisch schon tot. Steve Jobs hingegen hatte verstanden, dass sich die Funktion des Device grundlegend änderte. Der Zugang zum Internet wurde wichtiger als das Telefon selbst. Das ist exakt die Situation, die sich in der Automobilindustrie wiederholt.“

Nur anders als Nokia haben die hiesigen Hersteller den Zeitgeist erkannt. Neben einer Fokussierung auf eigene Entwicklungen, sind neue Allianzen entstanden. Einstige Konkurrenten sind nun ebenso Partner wie Firmen aus dem KI-Sektor. Die Zukunft: Sie kann kommen.