Es war ohne Zweifel wieder ein Trendthema auf der weltweit größten Messe für Retail-Technologien, an der ich im Januar in New York teilgenommen habe: Headless Commerce. Kaum ein Softwareanbieter auf der NRF 2022 – Retail’s Big Show, der nicht mit diesem Konzept für einen agileren Onlinehandel warb. Und auch viele Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) beschäftigen sich derzeit damit. Also ein guter Grund, um dieses Thema heute noch einmal näher zu beleuchten.

In seiner virtuellen Präsentation zur diesjährigen NRF sagte James Semple, Product Management Director bei Salesforce: „Headless Commerce ist nicht nur eine technologische Entscheidung, sondern vielmehr ein Entwicklungsmodell und eine neue Philosophie, die das Kundenerlebnis in den Mittelpunkt stellt“. Das gilt es auch im Hinterkopf zu behalten, wenn man die von ihm vorgeschlagenen „6 Schritte zum Erfolg mit Headless Commerce“ anschaut. 

Semple ist Gründungsmitglied der MACH Alliance – die Abkürzung steht für Microservices-basiert, API-first, Cloud-native und Headless –einer Gruppe unabhängiger Technologieunternehmen, die sich für offene, branchenführende Technologie-Ökosysteme einsetzt.

 

Drei Hauptargumente für Headless Commerce

 

„Die Einführung von Headless-Systemen im E-Commerce ist eine komplexe Angelegenheit“, warnt der Experte und nennt aus seiner Erfahrung drei treibende Kräfte hinter dem Wunsch nach einem Headless-System:

  • Agilität: Einzelhändler möchten schnell auf sich verändernde Kundenbedürfnisse und -erwartungen reagieren können.

  • Handlungsspielräume: Unternehmen möchten rasch außergewöhnliche digitale Erlebnisse kreieren, die sie vom Wettbewerb abheben.

  • Commerce Anywhere: Anbieter möchten über alle neuen Kanäle und Touchpoints mit ihren Kund:innen interagieren.

Auch im LEH dürften das die Hauptgründe für das verstärkte Interesse an Headless Commerce sein, das ich derzeit in vielen Kundengesprächen spüre. Und in der Tat spricht einiges für die Trennung des Frontends eines Webshop von dessen Backend und die Verbindung beider Elemente über eine Schnittstelle (API), die in dem Konzept eine Schlüsselfunktion übernimmt. Einzelne, unabhängige Module –Microservices – senden alle Daten zu der zentralen Schnittstelle, die diese aufnimmt und verarbeitet. Auf diese Daten können die unabhängigen Module des Backends zugreifen und diese auswerten bzw. ihre eigenen Daten an die Schnittstelle senden.

 

Mit Headless Commerce den Omnichannel-Verkauf ankurbeln

 

Das Konzept des Headless Commerce ist bereits ein Baustein vieler Omnichannel-Vertriebsmodelle. Denn fast jeder Kanal und jedes Gerät lässt sich so einfach an die digitale Infrastruktur eines Unternehmens anbinden. Vor allem, wenn ein Lebensmitteleinzelhändler seinen Onlineshop schrittweise ausbauen will, ist er mit diesem Ansatz gut beraten. Denn die einzelnen Module, die durchaus von unterschiedlichen Softwareherstellern stammen können, lassen sich auch zu einem späteren Zeitpunkt hinzufügen, ohne dabei alle anderen Bausteine verändern zu müssen. Gleiches gilt für das einfache Entfernen nicht mehr benötigter Elemente. Alles in allem erhöht Headless Commerce so enorm die Flexibilität.

Dies gilt auch bei der Entwicklung von Features wie Preisberechnung, Warenkorb, Check-out – all diese Funktionen lassen sich als Bausteine unabhängig voneinander verändern und weiterentwickeln. Programmiert wird dann nicht mehr ein komplettes System durch ein großes Team, sondern viele kleinere Gruppen arbeiten an den einzelnen Komponenten – unabhängig voneinander, da es keine Abhängigkeit der einzelnen Teile voneinander gibt. 

Das beschleunigt die Entwicklung und Innovationskraft deutlich. Während Veränderungen in monolithischen Systemen wegen der notwendigen umfangreichen Tests Monate in Anspruch nehmen können, kommen Anpassungen oder neue Features bei Microservices in wenigen Wochen oder gar Tagen zum Einsatz.

Ein weiterer Pluspunkt ist zudem die Individualisierbarkeit, die den Gestaltungsspielraum beim Design des Frontends erhöht. Es können auch völlig verschiedene Storefonts für die Kund:innen erstellt werden, etwa für den Desktop, Mobile, App, Smartwatch oder auch Instant Shopping auf Youtube und Co. Dadurch lässt sich eine Standardplattform wie unsere B2C Commerce Cloud speziell auf ein Unternehmen oder eine Handelskette anpassen und berücksichtigt dabei kunden- und unternehmensspezifische Besonderheiten. 

Dabei sind verschiedene Stufen möglich: Vom fertigen und sofort einsetzbaren Shop out of the Box über eine individuelle Anpassung des Frontends und die Nutzung von verschiedenen Standard-Backend-Funktionen bis hin zu einem weitestgehend selbst gestalteten Onlineshop, der nur noch auf wenige zentrale Backend-Anwendungen zurückgreift. Wie etwa die Public Cloud-Infrastruktur, eine Managed Runtime, das Datenmanagement oder Sicherheitsfeatures. 

Dabei muss sich der Einzelhändler nicht von vorneherein auf einen Weg festlegen. Sondern er kann zunächst mit dem fertigen Standardtemplate und unserer LEH-Industrielösung „Grocery Toolkit“ schnell starten und dann im Laufe der Zeit immer individueller zu werden und seinen eigenen „Kopf“ zu bauen. Der große Vorteil dieser Herangehensweise ist die Geschwindigkeit bei der Time to Market – ohne langfristig auf Differenzierungsmöglichkeiten im Wettbewerb oder Besonderheiten des eigenen Geschäftsmodells verzichten zu müssen. 

Eine Headless-Commerce-Architektur bildet so quasi das Fundament dafür, schnell auf jegliche neuen Anforderungen reagieren zu können. Dieser Ansatz lohnt sich auch besonders dann, wenn ein Einzelhändler neben dem Onlineshop eine Vielzahl von verschiedenen Frontend-Anwendungen in die eigene IT integrieren will. Etwa Voice Commerce, Virtual Reality und Anwendungen rund um das Internet der Dinge (IoT).

 

Nicht „kopflos“ ohne Strategie durchstarten

 

Im konkreten Einzelfall ist es allerdings nicht empfehlenswert, eine „kopflose" Umstellung auf Headless Commerce zu beginnen, ohne vorher die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen zu haben. Denn durch die Nutzung unterschiedlicher Module und die – im Vergleich zu traditionell gestalteten Websites – komplexere Struktur sind in der Regel auch die Kosten höher. 

Das betrifft vor allem die Betreuung nach der Einführung. Durch die starke Vernetzung von verschiedenen Bausteinen, für die meist mehrere Abteilungen im Unternehmen zuständig sind, wächst der Zeit- und Verwaltungsaufwand. Meist sind sogar mehrere Mitarbeiter an einem solchen gemeinsamen System zum gleichen Zeitpunkt tätig, was den Update Prozess komplexer macht.

Die Umsetzung einer erfolgreichen Omnichannel-Strategie im Lebensmitteleinzelhandel ist ein strategisches Vorhaben, das sich mit der Zeit weiterentwickelt. Eine zukunftsfähige Lösung sollte auf einer modernen Standardtechnologie basieren und weitgehend auf Individualsoftware verzichten. Sie muss alle Kontaktpunkte mit den Kund:innen abdecken, den sich aus der natürlichen Komplexität heraus ergebenden Integrationsaufwand so weit wie möglich zu reduzieren und den Datenaustausch zwischen allen Beteiligten im Unternehmen gewährleisten. 

Die Skalierfähigkeit eines Webshops stellt im LEH mit seiner Komplexität eine besondere Herausforderung dar, die nur wenige Anbieter erfolgreich bewältigen. Denn die Belastung der Systeme und die Anzahl der Produkte im Warenkorb ist dort im Vergleich mit anderen Handelssparten deutlich höher. Wir als Salesforce reduzieren deshalb mit unserer Cloud-Infrastruktur das Risiko für den Händler und sorgen dafür, dass der „Laden“ rund um die Uhr und auch bei plötzlichen Veränderungen läuft. Da sich Front- und Backend unabhängig voneinander skalieren lassen, werden selbst bei hohen Zugriffszahlen auf das Frontend die Commerce-Funktionen im Backend nicht beeinträchtigt.

Bevor sie mit einem Headless-Projekt starten, sollten sich LEH-Unternehmen zunächst Klarheit über ihren Status Quo und die gesteckten Ziele verschaffen: Wo stehen sie, wo wollen sie hin, was sind die dafür notwendigen Schritte? Welche IT-Systeme existieren derzeit, wo gibt es Potenzial zur Weiterentwicklung, wo liegen Alternativen? Auch die Mitarbeiter:innen müssen über die bevorstehende Entwicklung informiert, gezielt eingebunden und fachlich ins Boot geholt werden, um sich die unbedingt notwendige Unterstützung aller auf breiter Front zu sichern. Denn wie schon James Semple in seinem Video zur der NRF 2020 sagte: „Headless Commerce ist nicht nur eine technologische Entscheidung“.



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