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Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vor rund zehn Jahren erblickte das Konzept „Joblinge“ bei der Boston Consulting Group das Licht der Welt: Als gemeinsame Initiative mit der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG und mit dem Ziel, Jugendarbeitslosigkeit abzubauen. Das Konzept wollte vor allem diejenigen nicht zurücklassen, die bereits ihre zweite oder sogar dritte Chance vergeben hatten. „Zu Beginn haben wir mit allen Stakeholdern gesprochen, Unternehmen, sozialen Einrichtungen und auch Berufsschulen“, erinnert sich Ulrike Garanin, heute Geschäftsführender Vorstand von Joblinge. „Besonders die Schulrektoren haben sehr verhalten reagiert – ‚noch ein Projekt‘ hieß es oft.“ Damals beschloss das Gründerteam, sich bewusst an eine Zielgruppe zu wenden, die die Schule schon längst hinter sich gelassen hat und durch die Vielzahl der vorgeschalteten Angebote nicht erreicht werden konnte. „Wir wollten nicht akzeptieren, dass Jugendliche in die Langzeitarbeitslosigkeit geraten, bevor sie überhaupt jemals gearbeitet haben – Jugendliche, die scheinbar keine Chance auf eine Ausbildung haben“, sagt Garanin. Und sie ist überzeugt, dass der Fehler im System steckt.

Chancen erschließen

In vielen Programmen werden Jugendliche mit einem Taschengeld incentiviert, um die Teilnahme an einer Maßnahme zu erreichen. Die Resultate sind dürftig. Für Garanin aus gutem Grund: Die Fähigkeit zur Selbstmotivation wird nicht gefördert. Deshalb durchzieht die Taktik, bewährte Prozesse und Systemlogiken auf den Kopf zu stellen, alle Bestandteile des Joblinge-Programms. „Keiner unserer Teilnehmer will als hilfsbedürftig oder gar Opfer wahrgenommen werden. Wir machen ihnen zusammen mit unseren Partnerunternehmen einzigartige Angebote“, erklärt sie. „Unsere Aufgabe ist, die Jugendlichen dazu zu bringen, sie sich zu erarbeiten und sie für sich aktiv anzunehmen.“ Die Jugendlichen sind dann die „Joblinge“, die in enger Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand in das Programm kommen und lernen, sich ihre Chancen zu erschließen. Dazu gehört – neben einer dreimonatigen Orientierungsphase zur Berufsfeldfindung und Persönlichkeitsstärkung, die beispielsweise die Entwicklung und Vorführung eines Theaterstücks in der Gruppe sein kann – auch ein ehrenamtlicher Mentor. Davon profitieren beide: Die Joblinge finden ein offenes Ohr und Unterstützung bei Widrigkeiten. Die Mentoren bestätigen, mindestens so viel zu lernen wie ihre Schützlinge. Und sogar die Personaler der Unternehmen loben, dass das Mentorship eine einzigartige praxisnahe Chance ist, sich Führungsqualitäten zu erarbeiten.

Deshalb hat sich die Initiative Joblinge, die inzwischen über 7.000 Jugendliche – darunter seit 2015 auch junge Geflüchtete – aufgenommen hat, zu seinem zehnjährigen Jubiläum dieses Jahr seine Haltung auf die Fahnen geschrieben: ‚Widerstände. Mutig. Weiterdenken‘. Das Social Business selbst ist in dieser Zeit auf 150 Mitarbeiter an 28 Standorten gewachsen. „Eigentlich sind wir ein Programm, das Personalprozesse unterwandert, den Recruitingprozess auf den Kopf stellt“, erklärt Garanin. Diese Dynamik und der Wille zur Veränderung sind zwingend erforderlich, um die Herausforderungen zu meistern, vor die der digitale Wandel Arbeitgeber und Arbeitnehmer stellt.

Echte Erfahrungen

Besonders im Bereich der MINT-Berufe, also solchen, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zur Grundlage haben, tun sich eklatante Lücken auf. Fast noch dringender als um Fachkräfte wird dort um Nachwuchs gerungen. Viele Unternehmen waren vor Jahren noch weit davon entfernt, Jugendliche mit Hauptschulabschluss auszubilden. Der Wind hat sich gedreht, dennoch: „Das Kriterium sind nach wie vor Noten. Demnach hätte keiner unserer Teilnehmer eine Chance bekommen“, stellt Garanin fest. Deshalb existieren inzwischen für sechs technische Ausbildungsberufe Workshop-Formate, in denen Berufe wie Chemikant – von dem kaum ein Teilnehmer zuvor gehört hatte – erlebbar gemacht werden. Denn nur echte und somit emotionale Erfahrungen können wieder abgerufen werden und zu einem Wandel in der persönlichen Haltung führen, ist Garanin überzeugt. Die wichtigste Erfahrung für die Jugendlichen ist die, etwas zu können. Die Zweifel seitens der Unternehmen waren groß. Aber es hat sich bewährt: „Ausbilder erkennen gerade im Praxiskontext schnell, ob jemand das Gespür für bestimmte Aufgaben hat. Und nach jedem Workshop finden Teilnehmer und Ausbildungsunternehmen für Praktika als Vorstufe zu einem möglichen Ausbildungsvertrag zueinander“, stellt die Mitgründerin fest.

Das funktioniert jedoch, gerade in der Berufsschule, nicht ganz ohne Theorie. Allen voran hapert es häufig bei der Mathematik. Und zwar nicht wegen der Unfähigkeit, sich mathematisches Wissen anzueignen, sondern aus Ablehnung, die zur Blockade führt. Und diese gilt es zu lösen. Das gelingt etwa mit der mit dem bitkom-Innovationspreis ausgezeichneten App „Mathe als Mission“. „Das Mantra der digitalen Welt, ‚Lebenslanges Lernen‘, klingt in den Ohren unserer Teilnehmer wie eine Höchststrafe“, sagt Garanin. „Mit der Serious-Gaming-App knacken die Teilnehmer mit Matheaufgaben einen High Score nach dem anderen, haben Spaß und merken gar nicht, dass sie dabei lernen.“