Definitionen, Zahlen, Fakten und Innovationen: eine Bestandsaufnahme für den Mittelstand in Deutschland.

Trotz abkühlender Konjunktur sowie wirtschaftlicher und politischer Risiken bleibt der Mittelstand in Deutschland die Säule der Wirtschaft. Die Entwicklung großer, börsennotierter Konzerne prägt zwar häufig die Schlagzeilen der Wirtschaftsmedien, jedoch wird dabei häufig übersehen, dass mittelständische Unternehmen einen Großteil der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen. Einen besonders hohen Beitrag leistet der Mittelstand zur Beschäftigung: Laut Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) stellen mittelständische Unternehmen mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitsplätze.

Die meisten politischen Institutionen haben schon seit langem erkannt, wie bedeutend der Mittelstand in Deutschland für Wohlstand und Wachstum ist – und bieten zahlreiche Fördermöglichkeiten. Warum ist der Mittelstand in Deutschland so bedeutend? Wie ist der Status quo? Ist der Mittelstand innovativ und den internationalen Herausforderungen gewachsen? Was tut der Staat?

Der Mittelstand in Deutschland: eine Definition

Das Wort „Mittelstand“ kennt verschiedene Definitionen – quantitativ wie qualitativ. Eine qualitative Beschreibung des Mittelstands liefert das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Demnach zählen zum Mittelstand nicht nur mittelgroße Industrieunternehmen, sondern auch Dienstleistungs- und Handwerksbetriebe, Kleinunternehmer und sogar Freiberufler. Die Rechtsform eines mittelständischen Betriebes kann variieren: vom Einzelunternehmer über die GbR oder OHG bis zur GmbH. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist eine häufige Rechtsform für Mittelstandsbetriebe, die sich als Kapitalgesellschaft organisiert haben. Größere Mittelständler sind teils auch als (nicht an der Börse notierte) Aktiengesellschaft organisiert. Voraussetzung ist dabei, dass die Aktienmehrheiten in der Hand einer Familie sind.

Das wesentliche Merkmal, wann ein Unternehmen zum Mittelstand zählt, ist die Einheit von Eigentum und Leitung.

Viele Experten beziehen bei einer quantitativen Definition des deutschen Mittelstandes den Jahresumsatz mit ein. Quantitativ zählt in der Regel zum Mittelstand, wer 1 Million bis 50 Millionen Euro Umsatzerlöse pro Jahr erzielt.

Im Folgenden wird jedoch die erweiterte Betrachtung des Umsatzes und Mittelstandsdefinition des IfM zugrunde gelegt. Demnach zählen auch kleinere Betriebe und Freiberufler mit zum Beispiel 80.000 oder 100.000 Euro Jahresumsatz zum Mittelstand. Voraussetzung ist, dass sie das genannte wichtigste Merkmal erfüllen: die Verknüpfung von Eigentum, unternehmerischer Entscheidungsfreiheit und Leitung.

Unabhängig erfolgreich

Zu den vielen Stärken solcher Familienbetriebe zählt laut dem Bundesverband der deutschen Industrie, dass sie erheblich zum Steueraufkommen in Deutschland beitragen. Die Unternehmen agieren unabhängig von Konzernen oder ähnlichen Strukturen am Markt. Aus dieser Unabhängigkeit leitet das IfM eine weitere wesentliche Stärke von Mittelständlern ab: Der oder die Unternehmer sind stark mit ihrem Betrieb verwurzelt. Natürlich möchte ein mittelständisches Unternehmen auch Gewinne erzielen. Statt kurzfristiger Profitmaximierung überwiegt jedoch häufig die langfristige Erfolgsorientierung: Gewinne werden reinvestiert. So muss der Mittelstand in Deutschland möglichst wenig Fremdkapital aufnehmen und bewahrt seine Unabhängigkeit.

Viele Mittelständler bieten ihre Produkte oder Dienstleistungen in einer speziellen Nische an, oder arbeiten in einem Markt, in dem viele Unternehmen agieren – zum Beispiel im Einzelhandel, in Handwerksbranchen, im IT-Service, in der Werbe- oder Medienbranche, in der Unternehmensberatung oder der ambulanten Pflege. Gleichwohl kann ein Mittelständler in einigen Märkten in einen Wettbewerb mit Großkonzernen treten. Der häufigere Fall ist aber eine Vernetzung – zum Beispiel, wenn Mittelständler als hochspezialisierte Zulieferer einer Komponente große Automobilkonzerne beliefern.

Mittelständler erwirtschaften 35 Prozent des Umsatzes  aller deutschen Unternehmen

Etwa 3,65 Millionen Betriebe zählen nach der qualitativen Definition des IfM zu den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und damit zum Mittelstand in Deutschland. Das sind 99,6 Prozent aller privatwirtschaftlich betriebenen Unternehmen. Die Bandbreite reicht von der großen Gruppe der Einzelunternehmer über Kleinbetriebe mit unter 10 Mitarbeitern bis zum „großen Mittelständler“ mit bis zu 500 Beschäftigten. Sie erwirtschaften rund 35 Prozent des Umsatzes, den deutsche Unternehmen insgesamt erzielen.


Im Handel und in der Dienstleistungsbranche, in denen viele kleine und mittlere Unternehmen dominieren, erwirtschaftet der Mittelstand laut dem Wissenschaftsmagazin WISTA sogar über 80 Prozent des Branchenumsatzes. Bei der Nettowertschöpfung, die sich aus dem Abzug von Vorleistungen und Abschreibungen von den Einnahmen ergibt, errechnete der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) für Mittelständler einen Anteil von 58 Prozent.

Die Finanzierung des Mittelstandes in Deutschland: Durch Unternehmer, die Hausbank oder über neue Wege?

Die Eigenkapitalquote von mittelständischen Kapitalgesellschaften und Familienunternehmen ist traditionell hoch. Gleichwohl kommen die meisten Mittelständler nicht ganz ohne Fremdkapital aus. Das gilt insbesondere für kapitalintensive Branchen. Dazu zählen zum Beispiel die elektrotechnische Industrie sowie der Maschinen- und Anlagenbau. Für Investitionen in Gebäude, Hard- und Software für den Betrieb, in Halbfertigerzeugnisse und in wichtiges Fachpersonal benötigen die meisten Mittelständler Fremdkapital.

Erster Ansprechpartner und wichtigster Kreditgeber für Mittelständler ist oft die Hausbank. Aufgrund der engen Verwurzelung kennt die lokale Filiale der Großbanken das Unternehmen und deren Eigentümer in vielen Fällen. Eine langjährige Geschäftsbeziehung zwischen lokalen Bankfilialen und Mittelständlern entsteht und ist die Grundlage für eine zielführende Vergabe von Krediten.

Das so genannte Hausbankprinzip kann den Mittelstand jedoch auch einschränken.

Die Beziehung zurDer Mittelständler ist relativ gesehen abhängig von wenigen Geldinstituten. Hinzu können sinkende Kreditvolumina im Bankensektor und relativ hohe Zinsen für Bankkredite kommen. Aus diesen Gründen suchen, laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), viele Mittelständer nach ergänzenden oder günstigeren Kapitalquellen – zum Beispiel nach privaten Investoren. Diese können als stille Gesellschafter einsteigen, sodass die unternehmerische Unabhängigkeit des Mittelständlers nicht beeinträchtigt wird. Beteiligungsgesellschaften, die sich auf die Mittelstandsfinanzierung spezialisiert haben sowie Crowdfunding sind ebenfalls zu wichtigen Kapitalquellen für den Mittelstand in Deutschland geworden.

Fördermöglichkeiten für Mittelständler

Experten gehen davon aus, dass es für Unternehmen in Deutschland über 5.000 Fördermöglichkeiten gibt. Davon lassen sich viele unabhängig von der Unternehmensgröße beantragen. Für Mittelständler können zugesagte Fördergelder eine wichtige Finanzierungsquelle sein, um größere Investitionen wirtschaftlich stemmen zu können. Dabei kann die Förderung aus Zuschüssen, vergünstigten Krediten, Bürgschaften oder anderer Unterstützung, zum Beispiel einer Beratung, bestehen. Gefördert werden häufig technologische Neuentwicklungen, Digitalisierung oder Investitionen in Klimaschutz und ressourcenschonendes Wirtschaften.

Eines von vielen Beispielen ist die Bundesförderung für Energieberatung im Mittelstand (EBM) vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Fördermittel können auch in EU-Programmen wie dem Projekt „DigitaliseSME “ beantragt werden, welches die Digitalisierung noch schneller oder professioneller vorantreibt. Die Bundesministerien stellen ressortbezogen ebenfalls Fördermittel bereit. Weitere Fördertöpfe, speziell für die in der Region verwurzelten KMU, vergeben die deutschen Bundesländer und viele Kommunen.

Mittelständler, die nicht in einen spezialisierten Berater investieren möchten, können sich durch die Förderdatenbank des Bundeswirtschaftsministeriums einen Überblick über die Fördermöglichkeiten auf Europa-, Bundes- und Landesebene verschaffen.

Die Internationalisierung des Mittelstandes in Deutschland: hier dominieren Großunternehmen

Deutschland ist eine Exportnation. Eine Stütze des Wohlstandes ist der Export von hochkomplexen Wirtschaftsgütern, die mit viel Knowhow gefertigt werden. Ein großer Anteil der deutschen Exporte entfällt auf große Auto-, Maschinenbau- und Handelskonzerne. Hier ist ein Teil der Mittelständler eher indirekt beteiligt, wenn er zum Beispiel einen deutschen Konzern mit Vorerzeugnissen beliefert. Nur rund ein Fünftel der deutschen Exporte entfällt auf den deutschen Mittelstand – die meisten davon werden von mittelgroßen Unternehmen getätigt. Die Klein- und Kleinstunternehmen (bis 10 Mitarbeiter) unter den Mittelständlern sind bei den Exporten unterrepräsentiert. Das liegt auch an der jeweiligen Betriebsart und Branche: viele Kleinunternehmer, zum Beispiel Handwerksbetriebe oder Einzelhändler, bieten Ihre Leistungen vor allem auf dem inländischen Markt an.

Nicht jeder Mittelständler kann finanzielle oder personelle Ressourcen aktivieren, um ausländische Märkte zu erschließen.

Die Mittelstandsunternehmen wiederum, die exportieren, beschränken sich meist auf das europäische Ausland. Ihr Anteil liegt laut BVMW bei 93 Prozent. Bei den Auslandsinvestitionen deutscher Firmen ist die Bedeutung des Mittelstandes im Vergleich zu Großunternehmen tendenziell noch geringer als beim Export. Neben der Verwurzelung vieler Mittelständler in ihrer Region spielt es eine Rolle, dass Mittelständler nicht immer das nötige Kapital aufbringen können. Mancher Mittelstandsunternehmer kann oder will die Risiken einer großen Investition, zum Beispiel den Aufbau einer Niederlassung im Ausland, nicht eingehen. Oder es passt nicht in die Strategie des mittelständischen Unternehmers, durch neue Zukäufe im Ausland zu wachsen. Viele Mittelständler möchten auch keine Produktionsstätten ins Ausland verlagern, weil sie sich ihrer Belegschaft und ihrem Heimatstandort verpflichtet fühlen und die aktuell Beschäftigten hochproduktiv sind. Bei den Importen, die deutsche Mittelständler direkt beziehen, spiegelt sich ein ähnliches Bild wie beim Export wider. Rund 80 Prozent der Einfuhren tätigen Großunternehmen.

Arbeitsplätze und Ausbildung: getragen vom Mittelstand in Deutschland

Nach Angaben des BVMW arbeiten 60 Prozent der deutschen Beschäftigten bei einem Mittelständler in der Privatwirtschaft . Damit ist die Gruppe des Mittelstandes in Deutschland zusammengenommen „der größte Arbeitgeber“. Der Bundesverband der Deutschen Wirtschaft und das Institut für Mittelstandsforschung gehen davon aus, dass ein Mittelständler bis zu 499 Mitarbeiter hat (die EU-Kommission zieht die Grenze hingegen bereits bei 250 Beschäftigten). Beeindruckend ist das Wachstum der Beschäftigtenzahlen, das seit 2008 unvermindert anhält. Der funktionierende deutsche Mittelstand trägt damit entscheidend zur niedrigen Arbeitslosenquote bei, die laut der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2019 etwa 5 Prozent beträgt. Der deutsche Mittelstand ist zudem der „größte Ausbilder“. Denn die Klein- und Mittelunternehmen bilden 81,8 Prozent aller Auszubildenden aus – und damit weit mehr als Großkonzerne oder die öffentlichen Betriebe, so der BVMW . Aus- und Fortbildung, Personalentwicklung, Motivation und Loyalität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind für viele Mittelständler auch wichtige Faktoren, um dem Fachkräftemangel zu entgegenzuwirken.

Der deutsche Mittelstand schafft es, Fachkräfte ans Unternehmen zu binden und zu motivieren

Zu den Erfolgsfaktoren zählen Mittelstandsforscher auch die hohe Loyalität vieler Mitarbeiter zu ihrem mittelständisch geprägten Arbeitgeber. Weil ein Mittelständler meist an seinen Standorten verwurzelt ist, gelingt es häufig, qualifizierte Beschäftigte dauerhaft zu guten Leistungen zu motivieren. Hinzu kommt die Führung: 88 Prozent der deutschen KMU sind inhabergeführt. Die Beschäftigten arbeiten nicht für eine große Gruppe von Shareholdern beziehungsweise für den anonymen Kapitalmarkt, sondern „für“ eine Familie. Die setzt sich im Idealfall für die langfristig positive Entwicklung der Firma und ihrer Mitarbeiter ein. So werden gut ausgebildete Fachkräfte gehalten und tragen motiviert zum Unternehmenserfolg bei.

Innovation und Digitalisierung im deutschen Mittelstand

Das hohe Engagement der Mitarbeiter und der mittelständischen (Familien-)Unternehmer schafft häufig ein innovationsfreundliches Klima im Betrieb. Das trägt dazu bei, dass Ideen entstehen und kreative Problemlösungen entwickelt werden. Um die Innovationen erfolgreich in der Praxis umzusetzen und zu vermarkten, investieren Mittelständler meist besonders zielorientiert. Auch firmeninterne Innovationen, die zu effizienteren Betriebsabläufen, höherer Qualität und Wirtschaftlichkeit beitragen, setzen die meisten Mittelständler in Deutschland professionell um. Große Aktiengesellschaften haben es oft etwas leichter als der Mittelstand, sich das für Investitionen benötigte Kapital zu beschaffen. Der Mittelstand in Deutschland schafft es dennoch häufig, dieses „Manko“ auszugleichen – durch seine unternehmerische Flexibilität, flache Hierarchien und agile Mitarbeiter. So können mittelständische Betriebe erfolgreich Innovationen entwickeln und vermarkten. Klein- und Mittelunternehmen fällt es zudem häufig leichter als manchen Großkonzernen, schnell auf veränderte Kundenbedürfnisse zu reagieren. Neue Technologien, die interne Abläufe und Kundenbeziehungen entscheidend verändern, nutzen ebenfalls viele KMU. Laut dem BMWi werden Mittelständler aus vielen Branchen in der fortschreitenden Digitalisierung immer besser.

Hidden Champions? Die meisten sind Mittelständler!

Die mittelständisch geprägte deutsche Wirtschaft gilt als ein Hauptgrund, warum Deutschland bei den so genannten „Hidden Champions“ Weltspitze ist. Diese „versteckten Gewinner“ sind Unternehmen, die in einer speziellen Marktnische führend sind – sowohl beim Knowhow als auch beim Marktanteil. Von den geschätzt etwa 2.700 „Hidden Champions“ weltweit kommt fast die Hälfte aus Deutschland – besonders viele aus dem mittelständischen Maschinen- oder Anlagenbau.

Fazit: der Mittelstand in Deutschland hat Zukunft

Die mittelständischen Familienunternehmen sind ein Schwergewicht der Wirtschaft. Der Mittelstand ist vielfältig aufgestellt und beschäftigt die Mehrzahl der Mitarbeiter in Deutschland. Familienunternehmer agieren meist besonders verantwortungsvoll. Sie sichern und schaffen heimische Arbeits- und Ausbildungsplätze. Dabei fördern und motivieren sie ihre Auszubildenden und die Belegschaft. Der Mittelstand in Deutschland kann bestehende und neue Finanzierungsarten gezielt nutzen. Er sieht die Chancen der Digitalisierung, schafft Innovationen und gestaltet technologischen Fortschritt. So können viele Mittelständler in stark umkämpften nationalen, teils auch internationalen Märkten, bestehen.

Erfahren Sie mehr in unserem E-Book.