NAH MAGAZIN / INTERVIEW MIT THOMAS LINDNER, FAZ

„Freiheit ist ganz aktuell“

 
 
 

2019 feiert die FAZ ihren 70. Geburtstag. CEO Thomas Lindner erzählt im Interview, was die erste Ausgabe 1949 mit den neuesten Digitalausgaben und Apps verbindet – Haltung.

 

Herr Lindner, welche Haltung macht die F.A.Z. aus, wo liegen ihre Wurzeln?

„Qualitätsjournalismus muss frei und unabhängig sein, alleine der Wahrheit der Tatsachen verpflichtet.“ Diesen Anspruch haben die Gründer 1949 auf Seite 1 der ersten F.A.Z.-Ausgabe formuliert. Damals wie heute dient unsere Zeitung der freiheitlichen, demokratischen, marktwirtschaftlichen Ordnung. Sie schützt diese Freiheit mit faktenbasierter, überlegter Berichterstattung und Analyse. Das ist unser Erbe, unser unverhandelbarer Kern. Traditionen sind die Basis für starke Marken – und starke Medien. Sie geben Menschen Orientierung.
 

„Bei uns ist es nicht so, dass etwas widerspruchslos gemacht wird, nur weil der Geschäftsführer das sagt.“

Können Sie schildern, wie sich diese Werte in der Unternehmenskultur auswirken?

Freiheit bedeutet, auch intern Pluralität und Meinungen zuzulassen – in der Organisation und der Unternehmenskultur. Bei uns ist es nicht so, dass etwas widerspruchslos gemacht wird, nur weil der Geschäftsführer das sagt. Wir schätzen und fördern andere Meinungen. Denn sie führen oft zu fruchtbaren Diskussionen. Das macht Veränderung manchmal langsamer, aber mehr Perspektiven inspirieren auch.

Von einigen Traditionen muss man sich aber auch trennen, oder?

Natürlich. Als konservatives Haus waren wir bei Themen wie beispielsweise neue Arbeitsformen kein Vorreiter. Daran haben wir gearbeitet und tun es weiter. Wir wollen schneller, kreativer sein. Das heißt, dass Entscheidungen jetzt auch weiter unten getroffen werden. Agil zu sein ist wichtiger als eine Null-Fehler-Kultur.
 

„Wir haben viel kreative Unordnung in die früher sehr geordneten Abläufe gebracht.“

Medien trifft der digitale Wandel besonders. Müssen diese sich dabei auch stärker mit dem eigenen Markenbild auseinandersetzen?

Wir haben uns massiv auf unseren Markenkern und unsere Kernkompetenzen besonnen. Vor ein paar Jahren haben wir begonnen, unser Markenleitbild zu überarbeiten. Freiheit haben wir zu diesem Zeitpunkt in erster Linie als unser historisches Erbe im Blick gehabt. Aber die letzten Jahre haben mit Diskussionen über Geflüchtete, der Verteidigungsfähigkeit einer pluralistischen Gesellschaft oder einer AfD im Parlament gezeigt: Sie ist ganz aktuell, wir dürfen sie nicht als selbstverständlich betrachten. Sondern für sie eintreten, für sie kämpfen.

Sind Nachrichten auch künftig ein gutes Geschäft? Einerseits wirtschaftlich, andererseits aber auch in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Ja. Davon bin ich überzeugt. Wenn wir über die Zukunft der Zeitung sprechen, sprechen wir meistens über Kanäle: Meist über Print versus digital. Eine mühsame – und ermüdende –, mit Sicherheit aber eine zu schmal angelegte Diskussion.

Worüber wir als Medienmacher dringend und vor allem sprechen müssen, ist die Frage, welchen Platz die Zeitung, bzw. unsere INHALTE in Zukunft im Leben und im Tagesablauf unserer Nutzer haben werden.

Wir müssen darüber nachdenken, welche Rolle im Reigen der täglich genutzten Medien der Natives wir in Zukunft einnehmen wollen und können – und wie wir dabei wirtschaftlich weiterhin erfolgreich sein werden. Ich bin mir einerseits sehr sicher, dass es kaum Ersatz gibt – speziell für die Inhalte der F.A.Z. – und deshalb auch in Zukunft ein Bedarf an dem besteht, was wir tun. Fest steht andererseits auch: Wir müssen uns für die Jüngeren, Digitalen sehr weitgehend neu erfinden! Mit Neugierde und ohne allzu viel Sentimentalität.

Die F.A.Z. hat sich in den letzten Jahren von einem – quasi – Einprodukthaus mit vielen verschiedenen Aktivitäten zu einem Mehrproduktehaus mit klarem publizistischen Fokus entwickelt. Seit 2016 haben wir eine Reihe neuer Produkte konzipiert, hinzu kommen wichtige neue digitale Angebotsformen wie das im Herbst gelaunchte Angebot F+. Jetzt entwickeln wir die digitale Zeitung weiter.

 

„Es ist unser Auftrag, gemeinsam mit der Politik, die Freiheit und den Pluralismus zu verteidigen.“

 

Ist Haltung das, was Medien auch künftig nachhaltig erfolgreich macht? Als vertrauenswürdige, zuverlässige Informationsquelle, die Orientierung bietet?

Überall tauchen Fake News auf. Desinformation wird wissentlich, teils aus anderen Ländern, zu uns getragen. Politiker twittern ihre persönliche Realität in die Welt. Wir leben in einer Zeit, in der gefühlte Wahrheiten zu Tatsachen und persönliche Moralvorstellungen zum Maßstab für andere gemacht werden. Dem versuchen wir, uns mit unserem Qualitätsjournalismus und der Verpflichtung zur Wahrheit der Tatsachen entgegenzustellen. Und natürlich nicht wir alleine – das macht unsere Branche so bedeutend für unsere Gesellschaft. Es ist unser Auftrag, gemeinsam mit der Politik, die Freiheit und den Pluralismus zu verteidigen. Wir müssen gerade jungen Menschen gemeinsam klar machen, wie wichtig fundierte Informationen, Wissenschaft und Fakten sind.

Das klingt, als sei Ihnen das auch persönlich wichtig.

Bei der F.A.Z. sammeln sich Menschen, die eine emotionale Bindung an diese Marke haben. Das gilt auch für mich. Das Bürgerlich-Liberale, das Analytische, Fakten und Wissenschaft – all das spielte in meinem Leben schon immer eine große Rolle.
 
Thomas Lindner ist seit 2014 CEO der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuvor war er Verlagsgeschäftsführer von stern/GEO/Art bei Gruner + Jahr.
 

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