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Dies ist ein Text aus der Ausgabe Nr. 1 unseres Nah-Magazins.

Schon mit Anfang 20 hob Julian Teicke seine erste Internetfirma aus der Taufe. Es folgten weitere Gründungsprojekte, bevor der heute 27-Jährige im November 2015 wefox in Deutschland an den Start brachte. Mit seiner App ermöglicht das Unternehmen Verbrauchern, ihre Versicherungsverträge zu optimieren. Versicherungsmakler profitieren von höherer Effizienz bei der Zusammenarbeit mit Kunden und der Ange- botserstellung. Im Apple App Store und bei Google Play ist die wefox-Lösung bereits nach kürzester Zeit eine der Top-Finanz-Apps.

Julian, bisher warst du als Firmengründer vorwiegend in Lifestyle-Segmenten wie Möbel, Mode und Gourmet-Produkten unterwegs. Mit wefox hingegen wagst du dich erstmals in die Höhle des Löwen. Denn jetzt arbeitest du mit großen Versicherungskonzernen zusammen – eine ziemlich konservative Branche. Wie passt das mit deiner ausgeprägten Start-up-Mentalität zusammen?

JT: Das war in der Tat eine interessante Erfahrung, weil ich die kulturellen Differenzen zwischen Old und New Economy noch einmal hautnah am eigenen Leib erleben konnte.

Was sind für dich die größten Unterschiede?

JT: Zeit und Geschwindigkeit. Und damit meine ich nicht nur den Umgang mit der eigenen Zeit, all die stundenlangen Meetings mit oft wochenlangem Planungsvorlauf, sondern vor allem auch den Umgang mit der Zeit der Kunden. Sicherlich, Versicherungsprodukte sind in der Regel eine hochkomplexe Angelegenheit. Aber muss man seine Kunden ständig mit dieser Komplexität konfrontieren? Ich meine nein. Mit ein bisschen Fantasie geht es auch einfacher. Dazu muss man die Produkte nur aus der Kundenperspektive neu durchdenken. Dann gelingt es auch, die oft einschüchternde Komplexität von Versicherungsprodukten mit ihren hundert Details situationsbezogen auf den momentanen Nutzungskontext eines Kunden herunterzubrechen. Apps sollten immer nur solche Informationen anbieten, die im gegebenen Moment für den Kunden tatsächlich relevant sind. Das spart Zeit, vermeidet Frust und weckt ein positives Gefühl, weil die bislang so kompli- zierte Versicherungsmaterie auf einmal transparent und verständlich wird.

Das war der Faktor Zeit. Du sprachst aber auch von Geschwindigkeit...

JT: Genau. Hierbei geht es mir hauptsächlich darum, wie schnell Entscheidungen getroffen werden. Und um das Tempo, mit dem Innovationsideen in marktreife Produkte umgesetzt werden können. Beides hängt eng miteinander zusammen und hat sehr viel mit dem schon angesprochenen Zeitverständnis zu tun. Das lässt sich schon am Kommunikationsverhalten ablesen, etwa wie E-Mails verfasst werden: Im Konzernumfeld meist sehr ausführlich mit Anrede, Grußformel und oftmals langatmigen Erläuterungen zum Kontext – bevor die eigentliche Frage kommt. In einem Start-up hingegen wird all das sehr informell gehandhabt. Da wird die gleiche Frage einfach in die Betreffzeile getippt, weil sie so mit einem Blick erfassbar ist, ohne die Mail erst öffnen zu müssen. Überhaupt sterben bei uns E-Mails zugunsten sozialer Medien langsam aber sicher aus.

Ihr lebt also auch bei eurer internen Zusammenarbeit den digitalen Ansatz?

JT: Ja, und zwar ganz bewusst. Wir arbeiten im Beruf mit den gleichen digitalen Tools und Geräten, die auch den Alltag unserer Kunden prägen. Das hilft uns, das Leben da draußen besser zu verstehen und wirklich zeitgemäße Touchpoints für die Kundeninteraktion zu kreieren. Dank einer flachen Hierarchie, schneller Entscheidungsprozesse und hoher Technikaffinität der gesamten Belegschaft bringen wir unsere Lösungen entsprechend schneller auf den Markt. In Deutschland konnten wir mit wefox beispielsweise drei Monate früher loslegen als geplant. Als Start-up haben wir sozusagen digitale Gene – anders als unsere Partner aus der Versicherungsbranche, die von Hause aus analoge Unternehmen sind. Viele von ihnen haben bei der digitalen Transformation noch beträchtlichen Aufholbedarf.

Was kann die Old Economy von euch lernen? Sollten Konzerne etwa versuchen, selbst wie ein Start-up zu agieren?

JT: Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ein Unternehmen seine gewachsene Identität einfach so über Bord wirft. Stattdessen lassen sich im Zuge der digitalen Transformation die Vorteile der Old und New Economy im Idealfall kombinieren: also durchgängige Digitalisierung, hocheffiziente Entscheidungsstrukturen und Verankerung der Kundenperspektive in der Unternehmenskultur auf der einen Seite, andererseits ein über Jahre hinweg gewachsenes Beziehungsgeflecht, das es so in einem Start-up naturgemäß nicht gibt. Gerade in der Versicherungsbranche strahlt gelebte Tradition ja oft eine Aura von Stabilität und Verlässlichkeit aus – etwas, dem Kunden vertrauen können.

Das klingt so, als könnten auch Start-ups einiges von der Old Economy lernen...

Eine ganze Menge sogar. Eine durchweg junge Belegschaft wie wir hat zum Beispiel nicht genügend gemeinsame Zeit erlebt, um wirklich tiefe Beziehungen aufzubauen. Das ist in Unternehmen, deren Mitarbeiter schon viele Jahre gemeinsam durch dick und dünn gegangen sind, anders. Verlässlichkeit und Vertrauen sind neben Tempo und Agilität aber ebenfalls extrem wichtige Erfolgsfaktoren, ohne die der anfängliche Enthusiasmus sehr schnell wieder verlöschen kann. Ich verstehe meine Rolle als Start-up-CEO deshalb auch so, dass ich diesen Enthusiasmus bei meinen Mitarbeitern lebendig halte und zu einer dauerhaften Motivation weiterentwickele.

Julian, abschließend noch eine Frage: Wie schätzt du die aktuelle Start-up-Szene in Deutschland ein? Und welchen Rat würdest du einem angehenden Firmengründer mit auf den Weg geben?

Eine gewisse Gefahr sehe ich zurzeit darin, dass in Deutschland vielfach nur Erfolgsrezepte aus den USA kopiert werden – statt sich intensiver mit dem Bedarf der hiesigen Kunden auseinanderzusetzen. Genau das wäre mein Rat: Denkt und fühlt wie eure Kunden! Dann kommen euch auch Ideen für authentische Geschäftsmodelle.

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