In einem Fireside Chat mit Salesforce CMO Stephanie Buscemi berichtete die preisgekrönte Journalistin und Produzentin Soledad O’Brien vor Kurzem, dass Krisenzeiten in jedem Unternehmen Möglichkeiten für wahre Führungskräfte aufdecken.

„Viele wollen eine Chance, am Arbeitsplatz Führungsstärke zu zeigen, sogar während einer Pandemie“, sagte sie. „Das Übertragen von Führungsverantwortung ist ein großer Vertrauensbeweis. Und solche Leute braucht man – also profitieren beide Seiten davon.“

Doch wie genau können sich Mittelmanager – also diejenigen, die nicht zur obersten Führungsebene gehören – in diesen schwierigen Zeiten Gehör verschaffen? Wir besprachen diese Frage mit Amy Wilkinson, CEO und Gründerin des auf Innovationen spezialisierten Unternehmens Ingenuity, Dozentin an der Stanford Graduate School of Business und Autorin der Buchs „The Creator’s Code: The Six Essential Skills of Extraordinary Entrepreneurs.“

Ebenso beeindruckend wie all diese Qualifikationen sind ihre Aktivitäten in den letzten zehn Jahren. Sie war unter anderem White House Fellow und Special Assistant des Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten.

Wilkinson hat sich über Jahre hinweg mit der Frage beschäftigt, was Unternehmen und Unternehmer erfolgreich macht – in Zeiten der Hochkonjunktur, aber auch in Zeiten der Rezession. Hier ihre drei Empfehlungen für Mittelmanager und deren Arbeitgeber:  

 

1. Die Lücke finden

Mittelmanager stehen in der Regel an vorderster Front, vor allem in Zeiten des Umbruchs. Sie wissen, was bei Kunden, Lieferanten und Partnern passiert, und sind häufig besser aufgestellt, um Geschäftschancen zu erkennen. „Diese Leute bewegen sich in der Problemzone und wissen daher, worauf es ankommt“, so Wilkinson.

Hier einige Beispiele für Lücken, die durch das Coronavirus entstanden sind und die Unternehmen füllen konnten: Das Big-Data-Unternehmen Palantir entwickelt zusammen mit der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC und dem britischen Gesundheitsdienst NHS eine Software für das Tracking des Coronavirus, die auf der Datenerfassungs- und -visualisierungsplattform des Unternehmens basiert; der Kosmetikriese L’Oréal stellte seine Produktion an seinen nordamerikanischen Standorten auf dringend benötigte Händedesinfektionsmittel um; der T-Shirt- und Unterwäschehersteller HanesBrands produziert nun Hygienemasken; und das Bekleidungsunternehmen Jockey International fabriziert jetzt dringend benötigte persönliche Schutzkleidung, nämlich Schutzkittel der Klasse 3.

Die Führungsetagen dieser Unternehmen haben diese Umstellungen nicht allein für sich in ihrem stillen Kämmerlein beschlossen. Laut Wilkinson hat niemand ein Monopol auf gute Ideen, und niemand kann ein Problem ganz allein lösen – vor allem nicht in turbulenten Zeiten wie diesen. Zusammenarbeit ist gefragt. „Wenn man sich die Ansichten und Ideen anderer Personen schnell zunutze machen und weiterentwickeln kann, kann man Probleme zu lösen, die vorher unlösbar erschienen.“

 

2. Bestehende Ideen umfunktionieren

Häufig sind gute Ideen zu Produkten oder Dienstleistungen gar nicht neu. Sie werden nur anders umgesetzt. „Jeder einzelne Mitarbeiter eines Unternehmens kann in einer Abteilung Dinge finden, die sich auch anderswo anwenden lassen. Es geht um die ‚gegenseitige Befruchtung‘ von Ideen“, so Wilkinson. Sie vergleicht diesen Vorgang mit der Bestäubung von Pflanzen, bei der Bienen Pollen von einem Ort zum anderen transportieren. Sie betont, dass diese Ideen aus allen möglichen Bereichen kommen können – also z. B. auch aus dem Privatleben. „Es geht dabei quasi um Import und Export und darum, die Perspektive zu wechseln.“

Und das passiert im Zusammenhang mit dem Coronavirus allerorten. So hat der Sportartikelhersteller Fanatics seine Produktionsanlagen, in denen normalerweise Baseballtrikots hergestellt werden, umfunktioniert und stellt dort nun Gesichtsmasken und Bekleidung für Ärzte und Krankenpfleger her. Der auf Eishockey spezialisierte Sportartikelhersteller Bauer Hockey hat seine Produktionsstätten umgerüstet und fertigt dort jetzt Gesichtsschutzschirme für Krankenhauspersonal, und der Sportartikelgigant Decathlon macht aus Taucherbrillen Respiratoren.  

 

3. Ein Angebot machen

Eine gute Möglichkeit für Mittelmanager, etwas zu bewegen, besteht darin, den Vorgesetzten ein Angebot zu machen oder eine Idee zu unterbreiten. „Anstatt zu sagen ‚Ich brauche Anleitung, um diese Aufgabe zu bewältigen‘ kann man auch sagen ‚Wir müssen dies und das machen‘, und schon hat man einen Vorschlag oder eine mögliche Lösung präsentiert“, erklärt Wilkinson. „Auf diese Weise sichert man sich die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten und verändert die Machtdynamik.“

Das Angebot könne sich als entscheidende Idee für das Unternehmen erweisen, die die Vorgesetzten nicht auf dem Zettel hatten, und Druck von der stressgeplagten Führungsetage nehmen. Dazu kann schon das Angebot ausreichen, die potenzielle Zusammenarbeit durch geeignete Fragen vorzubereiten oder selbst um 20 Uhr noch an einem Konferenzgespräch teilzunehmen. 

Laut Wilkinson ist dieses Vorgehen selbst dann effektiv, wenn das Angebot nicht angenommen wird. „Das schadet überhaupt nichts“, sagt sie. „Die Absicht ist positiv, und das werden die anderen Beteiligten registrieren.“

Natürlich ist die Voraussetzung für all diese Punkte, dass die oberste Führungsebene eine Unternehmenskultur pflegen muss, in der Mittelmanager (und alle anderen Mitarbeiter) die Möglichkeit haben, Anregungen einzubringen und neue Ideen umzusetzen. In dieser beispiellosen Phase des Umbruchs für Unternehmen sind wir alle gefordert, uns einzubringen.

Wenn Sie weitere Tipps zum Umgang mit Veränderungen suchen, lesen Sie die anderen Artikel unserer Serie Leading Through Change. Dort finden Sie Vordenker, Tipps und Ressourcen, die Führungskräften helfen, ihr Unternehmen in Krisenzeiten zu managen.